Das erste Lektorat – Drei Praktikantinnen über ihre Arbeit im Verlag

Von Aliza Bergmann und Dominik Neumann.
Wer Germanistik studiert und nicht Lehrer:in werden will, hat häufig ein anderes Ziel: „Irgendwas mit Büchern machen.“ Vor allem als Lektor:in zu arbeiten, wird oft als Wunschjob genannt. Praktische Erfahrung spielt dabei eine entscheidende Rolle, um in der bisweilen schwer zugänglichen Welt der Verlage Fuß zu fassen. Über ihre eigenen Erfahrungen berichten die Studentinnen Franka Eichner, Jule Suffner und Iana Lanskaia. Sie sprechen von ihren ersten Schritten in der Branche und den Herausforderungen, dem Stress, aber auch den Gelegenheiten, die ein Praktikum in einem kleineren Verlag bieten kann.
Vom kleinen Lektorat zum eigenen Klappentext
Gründung: 1987
Standort: Münster, New York
Verlagsleitung: Beate Plugge
Schwerpunkt: Publikationen aus Geistes- und Sozialwissenschaften, Dissertationen, Fachzeitschriften Besonderheit: gehört seit 2015 zur Verlagsgemeinschaft Uni-Taschenbücher (utb)
Über ihre Zeit beim in Münster gegründeten Waxmann Verlag hat die Germanistik-Masterstudentin Franka Eichner viel Positives zu erzählen. Sie wurde in ihrem Arbeitsalltag oft gefordert, trotzdem war sie froh über die Verantwortung und die Chance, schon während des Studiums echte Lektoratsluft zu schnuppern. Dass sich Franka für den Wissenschaftsverlag Waxmann entschieden hat, war durchaus kein Zufall. Sie hält ein rotes Buch mit dem utb-Logo in die Luft und sagt: „Um diese Bücher kommt man im Studium nicht herum.” In der bekannten Reihe erscheinen auch Bücher vom Waxmann-Verlag, bei dem sie ihr Praktikum gemacht hat.
„Meine Aufgaben umfassten vor allem das sogenannte kleine Lektorat, also die Prüfung von Texten nach Merkmalen wie Interpunktion und anderen Formalia. Außerdem habe ich viel Kontakt mit Autoren gepflegt, um Korrekturen weiterzugeben bzw. einzusammeln und Deadlines abzusprechen”, erinnert sich Franka. „Mir hat es besonders Spaß gemacht, an der Planung von zwei Sammelbänden mitzuarbeiten. Bei einem durfte ich sogar den Klappentext schreiben.”
Für ihre Arbeit erhielt sie zuvor von Verlagsleiterin Beate Plugge eine genaue Einweisung und eine ausführliche Checkliste. „Zum Inhalt und zum Schreibstil Feedback zu geben, ist etwas, das ich schon aus dem Germanistikstudium kannte”, sagt Franka. „Wichtig ist auch, dass man sich gut mit Zitationsstilen auskennt und weiß, wie man Literaturverzeichnisse pflegt.” Die Verlagsleitung stand außerdem jederzeit für Nachfragen zur Verfügung. Solche flachen Hierarchien sorgten bei Waxmann für eine freundliche Arbeitsatmosphäre, in der sich Franka sehr wohl gefühlt hat.
Plötzlich Lektorin
Gründung: 1992
Standort: Münster
Verleger: Michael Schneeberger
Schwerpunkt: Übersetzung und Vermarktung niederländischer Texte, Münster-/Westfalenliteratur Besonderheit: Verlegt sowohl Belletristik als auch Sach- und Fachliteratur
Lektorin werden, am liebsten im Bereich der Belletristik – das war schon immer das Ziel für Jule Suffner, Studentin der Germanistik und Kommunikationswissenschaft. Doch die Praktikumsplätze in den großen Verlagshäusern sind rar, die Hürden dementsprechend groß. Umso größer die Erleichterung, als es dann 2024 beim lokalen Agenda Verlag schnell und unkompliziert klappte. „Das hat sich direkt nach einem ersten Erfolgserlebnis angefühlt“, erinnert sie sich.
Der Einstieg in den Verlag und die dortigen Arbeitsabläufe war für Jule erstmal ein Sprung ins kalte Wasser – denn das Lektorat wird beinahe ausschließlich von den Praktikant:innen durchgeführt. In den acht Wochen ihres Praktikums durfte sie ohne Vorerfahrung sehr schnell viel Verantwortung übernehmen: Von der Auswahl der Manuskripte, über Korrektorat und Lektorat war alles dabei: „So konnte ich den Entstehungsprozess mehrerer Bücher von Anfang an begleiten und war dabei auch für die Korrespondenz mit den Autor:innen zuständig.” Hinzu kam PR-Arbeit und die Pflege der Verlagswebsite. „Einen typischen Tagesablauf gab es nicht, weil jeder Tag anders war. Ich war eigentlich die Person für alles“, erklärt Jule. Was sie aus diesem Praktikum mitnimmt: viele neu erlangte Kompetenzen, Verantwortung zu übernehmen, aber auch der Umgang mit dem oft kritischen Blick des ausschließlich männlichen Verlagsteams.
Highlight eigenes Buchprojekt
Gründung: 1998
Standort: Visbek
Verlagsleitung: Alfred Büngen und Inge Witzlau
Schwerpunkt: Texte mit gesellschaftskritischer Ausrichtung Besonderheit: Starke Förderung von Nachwuchsautor:innen sowie lokalen Schreibprojekten
Der Geest-Verlag zeichnet sich durch einen besonderen Sinn für eigenverantwortliches Handeln aus, der im Programm und den Werten des Verlags sichtbar ist. Der Verlag versteht sich selbst als „Verlag für engagierte Literatur“ und legt einen besonders hohen Wert auf Texte, in denen es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen kommt.
Durch die Teilnahme an einem vom Geest-Verlag veranstalteten, lokalen Schreibprojekt hatte Iana Lanskaia, Studentin im Master Kulturpoetik, bereits erste Berührungspunkte mit dem Verlag. 2024 trat sie dort ihr Praktikum an. Ihre Aufgaben waren vielfältig, und sie konnte von Anfang an selbstständig und mit viel Verantwortung arbeiten: „Von der Idee bis zur Veröffentlichung des Buches konnte ich überall dabei sein”, erzählt die Studentin, „einmal konnte ich in der Buchbinderei sogar miterleben, wie Bücher technisch hergestellt werden.“
Offenheit, Kommunikationsfähigkeit und vor allem Geduld waren für die Tätigkeiten im Verlag eine wichtige Voraussetzung. Ein Highlight ihres Praktikums war für Iana die Betreuung eines eigenen Buchprojekts: Sie gab 2024 den Band „Geschichten über ein Miteinander“ heraus, für den sie neben zwei Beiträgen auch das Vor- und Nachwort verfasste. In Beiträgen von mehr als 30 verschiedenen Autor:innen geht es in dem Band um Einblicke in die Vielfalt eines gesellschaftlichen Miteinanders.
Ob Wissenschaftsverlag oder kleiner Publikumsverlag – die Praktikantinnen übernahmen die unterschiedlichsten Aufgaben: vom Lektorat über ‚Person für alles’ bis hin zum eigenen Buchprojekt. Obwohl sie dabei viele wertvolle Erfahrungen machen konnten, bleibt doch ein Minuspunkt: Die Praktika wurden nicht bezahlt, weshalb Franka, Jule und Iana neben dem Praktikum noch andere Jobs ausüben mussten.
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