Von Literatur und Serien – Nico Bleutge und Mia Trautmann über das Schreiben von Rezensionen

Von Helena Nagel und Aaron Schlüter.
Zwei sehr unterschiedliche Werdegänge kommen beim Workshop „Germanistik im Beruf“ – diesmal zum Thema Kritik – zusammen: Auf der einen Seite Mia Trautmann, die als Serienkritikerin für die taz schreibt und als angehende Deutschlehrerin gerade ihr Referendariat absolviert. Auf der anderen Seite der Literaturkritiker Nico Bleutge, der sich eigentlich als Lyriker einen Namen gemacht hat.
„Kaum etwas ist so lustvoll wie das Rezensieren”
Der Winter in Münster sei kalt gewesen, erinnert sich Nico Bleutge. Eisig sogar. Er erzählt davon, wie er vor einigen Jahren auf den Spuren von Annette von Droste-Hülshoff Zeit in der Stadt verbracht hat. Bleutge spricht frei, ohne eine Präsentation. „Ich musste erstmal googeln, was eine PPP ist“, sagt er mit Blick auf seine Einladung zum Workshop.
Seinen Werdegang als Literaturkritiker beginnt Bleutge mit der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung. „Die lag bei meinen Eltern immer auf dem Küchentisch. Die Rezensionen darin habe ich begeistert gelesen.” Nach dem Studium der Philosophie, Neueren deutschen Literatur und Rhetorik in Tübingen entscheidet er sich aufgrund seiner ersten Erfolge als Lyriker dafür, freiberuflich zu arbeiten. Um sich finanziell über Wasser zu halten, schreibt er nicht nur Gedichte, sondern auch Rezensionen. Das Leben als Freiberufler erweist sich als anders als von ihm erwartet: „Ich dachte, ich kann ausschlafen und abends feiern gehen, aber so funktioniert das nicht. Man muss sich eine eigene, konsequente Struktur für den Tagesablauf schaffen.” Eine klassische Ausbildung zur Literaturkritiker:in gebe es nicht, betont Bleutge. „Das klingt erstmal ernüchternd, aber es gibt trotzdem viele Möglichkeiten, Kritiker:in zu werden. Man könnte sagen: Es führen zwar nicht alle Wege nach Rom, aber einige.”
Mit Blick auf neuere Trends im Literaturbetrieb gibt Bleutge zu bedenken: „Eine Kritikform wie die Rezension wird zunehmend durch andere ,unterhaltsamere’ Formate abgelöst. Ich denke da an Interviews oder Hausbesuche bei Autor:innen.” Ihm sei es wichtig, den Leser:innen weiterhin auch komplexere, analytische Texte zuzumuten. Das Rezensieren hat für Bleutge zudem noch einen anderen Wert: „Kaum etwas ist so lustvoll und anregend, wie ein Buch zu rezensieren und Leser:innen auf diese Weise dafür zu gewinnen oder selber kritisch darüber nachzudenken.“
Serien schauen mit Notizblock
Gleich die erste Folie von Mia Trautmanns Powerpoint-Präsentation bringt es auf den Punkt: Neben einem Icon, das eine Unterrichtssituation zeigt, ist das einer Schreibmaschine zu sehen. Darunter die zwei Worte „Über mich”. Lehrerin und Journalistin – das sind die beruflichen Tätigkeiten, für die sie steht. Journalistisch hat sie bei der Rheinischen Post angefangen, berichtet Trautmann. Das habe ihr derart gut gefallen, dass sie das Schreiben während des Studiums fortgesetzt hat: „Ich fing an, beim Semesterspiegel mitzuarbeiten – für mich war das wie eine Spielwiese zum Ausprobieren!” Zum Beispiel gründet sie dort das Ressort „Binge&Books”, in dem nicht nur Bücher, sondern auch Serien besprochen werden. Außerdem absolviert sie ein Praktikum bei der taz, wo sie seither als freie Mitarbeiterin Serien rezensiert.
Trautmann schildert, wie sie beim Schreiben einer Rezension vorgehe: „Ich liege nicht mehr entspannt auf der Couch, sondern sitze aufrecht und konzentriert. Und natürlich schaue ich mit einem Notizblock in der Hand.” Gerade für das journalistische Arbeiten war auch das Studium des Masters „Kulturpoetik der Literatur und Medien” wichtig, weil es nicht nur eine fachliche Vertiefung geboten, sondern auch den analytischen Blick trainiert habe.
Da sie in Münster zugleich den Master of Education in den Fächern Deutsch und Sozialwissenschaften studiert hat, unterrichtet sie zurzeit als Referendarin an einem Gymnasium in Recke. Hier hat sie eine Schulzeitung gegründet. Sie appelliert an die Kinder, selbst mal kritisch zu reflektieren: „Kinder haben durch das Internet Zugriff auf alle möglichen Medien und sollen selbstbewusst sagen können, wenn sie etwas nicht gut finden.“
Nach Bleutges und Trautmanns Referaten wird deutlich: Rezensionen zu schreiben – sei es über Serien oder über Bücher – ist alles andere als ein ödes Geschäft. Es kann Spaß machen und bietet Leser:innen die Möglichkeit, ihr eigenes Urteil mit dem des:der Rezensent:in zu vergleichen. Zum Schluss noch die Frage von Kritiker zu Kritikerin: „Wie schreibst du eigentlich deine Kritiken?“ Antwort: „Ich habe immer einen Startpunkt, aber der Endpunkt ergibt sich manchmal erst im Prozess.“




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