Lyrik durchs Kaleidoskop betrachten: Im Gespräch mit Literaturkritiker Nico Bleutge

Von Lea Erdmann, Lisa Hildebrand und Laurie Dreesch.
Nico Bleutge kennt beide Seiten des Schreibtischs: Als Lyriker liefert er Stoff für Rezensionen und als Literaturkritiker schreibt er selbst welche. Mal sucht er die Offenheit der Sprache und mal ihre Genauigkeit. Im Gespräch erklärt er, warum der Literaturbetrieb heute oft lieber Autor:innen inszeniert als ihre Texte ernstzunehmen und wie er damit umgeht, wenn Kritik doch mal zu persönlich wird.
Herr Bleutge, haben lyrisches und kritisches Schreiben viel gemeinsam oder sind das zwei völlig verschiedene Paar Schuhe?
Bleutge: Für mich sind das tatsächlich sehr unterschiedliche Arten zu arbeiten. Aber was beide Bereiche verbindet, ist eine Art Übersetzungstätigkeit. Eine Metapher zum Beispiel funktioniert zunächst nur innerhalb eines Gedichts. In der Kritik stellt sich dann die Frage: Wie kann ich Worte dafür finden, die verständlich machen, was da lyrisch passiert? Wie kann ich das in Alltagssprache übersetzen?
Und wie sieht Ihre Arbeit anders herum aus? Fällt es Ihnen leicht, von der kritischen in die lyrische Denkweise umzuschalten?
Bleutge: Wenn ich wegen der Deadline für eine Rezension stark im analytischen Denken bin, bekomme ich diese Öffnung, die das Gedicht braucht, kaum noch hin. Dann bin ich sehr stark im Modus des Erklärens: Warum etwas so und so ist. Dabei entsteht in kurzer Zeit deutlich mehr Text, als es beim Gedichte-Schreiben je der Fall wäre.
Sie sind selbst Vater. In einigen Ihrer Gedichte des Bandes „schlafbaum-variationen” geht es um eine Vater-Kind-Beziehung – dadurch wirken Ihre Gedichte teilweise sehr intim. Geht Ihnen die Kritik, die andere an Ihren Gedichten äußern, auch mal zu weit?
Bleutge: Nein, bisher habe ich in keiner Kritik erlebt, dass sie mir zu privat war. Ich habe die Gedichte ja dementsprechend geschrieben – wenn mir etwas zu privat gewesen wäre, hätte ich sie auch nicht veröffentlicht. Einmal gab es allerdings einen Moment, der mich irritiert hat.
Welcher war das?
Bleutge: In „schlafbaum-variationen” gibt es einen Teil, der sich mit Vergänglichkeit und Sterben beschäftigt. Die Ur-Szene dafür ist der Tod meines Vaters. Ich habe in den Anmerkungen des Gedichtbandes geschrieben, dass sich bestimmte Dinge darauf beziehen. Und dann gab es eine Rezension, für die sehr genau recherchiert wurde – bis hin zu konkreten Lebensdaten meines Vaters und seinen beruflichen Stationen. Das war irritierend, weil so aus den Gedichten mehr herausgeholt wurde, als ich bewusst hineingelegt hatte.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Bleutge: Das gehört natürlich zum Spiel dazu. Sobald ich solche Hinweise in meinen Gedichten anlege und auch noch Anmerkungen dazu anfertige, hat jede Kritikerin, hat jede Kritikerin und jeder Kritiker das Recht, weiter zu recherchieren. Ich würde das vermutlich genauso machen. Aber grundsätzlich möchte ich mein Privatleben außen vor lassen.
Finden Sie es überhaupt wichtig, in welchem Zusammenhang das Privatleben eines Schriftstellers mit seiner Literatur steht?
Bleutge: Jeder, der schreibt, weiß: Sobald man in der Literatur ‚Ich‘ sagt, ist das nicht mehr das reale biographische Ich, sondern immer schon eine Sprechhülle. Mich interessiert vor allem die Stofflichkeit, um die es geht – und weniger die Person, die dahintersteht.
Seit einigen Jahren schreiben Journalist:innen vermehrt Autor:innenportraits, sie besuchen also Schriftsteller:innen zu Hause – Stichwort ‘Homestories’.
Bleutge: All das zielt stark darauf, die Person in den Vordergrund zu stellen. Das finde ich schade, weil es häufig zu Lasten der Texte geht. Ich finde es durchaus amüsant zu lesen, wie jemand wohnt, wie das Wohnzimmer eingerichtet ist oder dass die Katze auf dem Schoß sitzt. Für mich funktioniert das allerdings nur dann, wenn ich gleichzeitig auch etwas über das Buch erfahre.
Meinen Sie die Homestories mit Caroline Wahl im letzten Sommer?
Bleutge: Das ist ein gutes Beispiel. Man ist mit ihr am Strand entlang gegangen und hat sie in Ausstellungen begleitet. Man ist mit ihr im Sportwagen gefahren. Auffällig an den Artikeln war, dass kaum kritisch über ihren Roman gesprochen wurde, sondern die Person am wichtigsten war.
Was daran stört Sie?
Bleutge: Das wirkte wie ein Alibi, um sich kein ästhetisches Urteil über den Text anmaßen zu müssen – und trotzdem am Hype teilzuhaben. Ob das Buch etwas taugt oder nicht, rückt dabei schnell in den Hintergrund. Ich habe das auch selbst als Autor erlebt. Es geht schlicht um Klickzahlen, ganz banal gesagt.
Aber gab es diese Fixierung auf die Person von Autor:innen nicht schon immer?
Bleutge: Diese Personalisierung hat es immer gegeben, das ist keine neue Entwicklung. Gerade bei Lesungen merkt man das sehr deutlich: Der Geniekult wirkt untergründig weiter. Besonders klar wurde mir das während der Pandemie. Auch die professionellsten digitalen Lesungen konnten nicht ersetzen, was viele suchen: die Aura der Dichterin oder des Dichters. Man will sehen, wie so jemand auftritt, wie er spricht, welches Bild er von sich vermittelt.
Viele schrecken vor Lyrik erst einmal zurück – sie gilt als schwierig, elitär oder wenig zugänglich. Was geben Sie jungen Leser:innen mit auf den Weg?
Bleutge: Ich glaube, man braucht vor allem Lust, sich mit Sprache auseinanderzusetzen. Und das ist eigentlich etwas, was junge Menschen ohnehin permanent tun. Was auf Social Media oft passiert, ist der Versuch, ein sehr individuelles Bild von sich zu zeichnen. Paradoxerweise führt das häufig zum Gegenteil: Es entstehen Schemata, die sich stark ähneln – etwa in der Art, wie Selfies gemacht werden oder Texte formuliert sind. Das Gedicht bietet eine ganz andere Möglichkeit.
Und welche ist das?
Bleutge: Es eröffnet einen Raum, in dem man mit Sprache eigenständig umgehen und eine ganz eigene Sprache und auch Sprachkraft entwickeln kann. Oder in dem man die Möglichkeit hat, etwas auszudrücken, das einen wirklich beschäftigt. Gedichte über Liebesbeziehungen, über ökologische Krisen, über politische Situationen. Gedichte haben zudem einen ganz praktischen Vorteil: Sie sind kurz. Man kann sie immer wieder lesen, von verschiedenen Seiten betrachten – wie durch ein Kaleidoskop.
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