„Unsere Sprache ist unser Handwerkszeug”: Literaturwissenschaftlerin Mirjam Springer über das Schreiben von Rezensionen

Von Iana Lanskaia.
„Unsere Sprache ist unser Handwerkszeug” – betont Mirjam Springer, wenn sie über das Schreiben von Kritiken spricht. Für die Literaturwissenschaftlerin geht es dabei nicht bloß um Reflexion, sondern auch um Intervention: analytisch fundiert, sprachlich präzise – und im Zweifel auch polemisch. Springers Denken ist geprägt von philosophischen Theorien, insbesondere von Hans-Georg Gadamer, Hannah Arendt und Theodor W. Adorno. „Für mich sind die letzten beiden sogar etwas relevanter, weil sie sich mit sozialen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Ideologien auseinandersetzen. Jetzt aber genug mit Name- und Begriffsdropping!”, lacht sie und gibt einen weiteren Einblick in ihren Werdegang.
Springer hat Germanistik, Slavistik und Musikwissenschaft in Münster und Tübingen studiert. Ihre Forschungsschwerpunkte reichen von der Weimarer Klassik über Annette von Droste-Hülshoff bis zur Gegenwartslyrik. Eine wichtige Zeit war dabei ihre zehnjährige Mitarbeit an der historisch-kritischen Ausgabe von Friedrich Schillers Werken, der sogenannten Nationalausgabe. „Wissenschaftliche Editionsarbeit mache ich zwar nicht mehr, aber das textkritische Bewusstsein, das ich bei dieser Arbeit gewonnen habe, kann ich nicht mehr ablegen. Das nimmt man glücklicherweise mit.”
Zwischen Skepsis und Polemik
Sprache ist für Mirjam Springer nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Kritik, sondern auch ein Machtinstrument, das ganze Gesellschaften formt: „Wir sind für unsere Sprache verantwortlich. Und wir müssen uns klar machen, dass wir damit handeln. Sprache macht Geschichte.” In diesem Bewusstsein geht sie beim Verfassen von Texten sehr sorgfältig vor, immer begleitet von der Skepsis gegenüber der Sprache. „Manchmal sitze ich den ganzen Tag an einer Rezension und habe abends gerade mal zwei Sätze geschrieben.” Springer arbeitet auf der Basis einer begründeten, meist an konkreten Textpassagen belegten Meinung. Dabei darf Kritik auch mal zugespitzt sein: „Reine Polemik finde ich aber nicht gut. Ich knalle keine Kritik einfach so raus.”
Auf die Frage danach, was gute Kritik für sie ausmacht, antwortet sie ohne langes Überlegen: „Nachvollziehbarkeit und Transparenz auf jeden Fall. Man muss die eigenen Wertungskriterien offenlegen und am Text plausibilisieren.” Kritik und Literaturwissenschaft haben einiges gemeinsam: Beide setzen eine gründliche Analyse sowie ausgiebige Recherchen zu historischen und sozialgeschichtlichen Hintergründen voraus. „Dabei verbrennt man genauso viele Kalorien wie beim Jogging“, witzelt Springer.
Vom Literarischen Quintett zu Baddabäm!
„Als Literaturkritikerin bin ich in drei Formaten unterwegs”, erzählt Mirjam Springer. Diese reichen aktuell von Beiträgen für die Rezensionszeitschrift Arbitrium bis hin zu mündlichen Formaten wie dem Literarischen Quintett, einer Talkrunde des Festivals „Literarischer Herbst“ in Hamm – und Baddabäm!, einer Show für „parapolitische Abendunterhaltung”. Letztere stellt für sie eine besondere Herausforderung dar: „Meine Rolle bei Baddabäm! ist, drei literarische Texte nicht zu verreißen, sondern ultimativ zu loben. Das ist neu für mich – und macht überraschend viel Spaß.“ Als hauptberufliche Tätigkeit kommt Kritik für Springer jedoch nicht infrage. Mit Blick auf Denis Schecks literarisches „Speed-Dating“ in seiner Sendung „Druckfrisch” sagt sie: „Das ist sehr unterhaltsam und bringt vieles auf den Punkt. Aber dutzende Bücher in kurzer Zeit unfreiwillig lesen zu müssen – das wäre für mich die Hölle. Dass ich von Kritik nicht leben muss, nehme ich als Luxus.“
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