Kulturpoetin Mia Trautmann über Serien in der Kritik

Kritiken zu schreiben ist für Mia Trautmann viel mehr, als nur zu sagen, was „gut” oder „schlecht” ist (Foto: Carsten Vogel).

Von Briar Leonhardt.

Wenn Mia Trautmann fernsieht, entscheidet ihre Körperhaltung über ihren Arbeitsmodus. „Muss ich eine Serie nicht kritisch besprechen, schaue ich im Liegen“, sagt sie und lacht. Sobald aber eine Rezension ansteht, ändert sich die Haltung: Dann sitzt sie aufrecht. Konzentriert. Fokussiert. Denn Fernsehen ist für sie keine passive Berieselung, sondern Arbeit.

Trautmann ist freie Journalistin, unter anderem für die taz, und Referendarin an einem Gymnasium in Recke. Zwei Welten, die sie durch einen besonderen Blickwinkel verbindet: Trautmann hat Kulturpoetik studiert – ein Studiengang, der sich nicht nur mit Literatur, sondern auch mit (pop)kulturellen Phänomenen und Diskursen beschäftigt. Wenn sie heute eine Serie schaut, tauchen Begriffe, Theorien und Fragestellungen ihres Studiums automatisch wieder auf. Sie schaut nicht nur, was erzählt wird, sondern auch, wie – und warum.

Warum Serien kulturell wichtig sind

Bei der Auswahl der Serien spielt für Trautmann keine Rolle, ob es sich um eine Animation, True Crime oder ein Historiendrama handelt. „Mir ist es wichtig, über verschiedene Arten von Serien zu schreiben, dabei kommt es nicht auf das Genre oder die Zielgruppe an. Es gibt zum Beispiel auch viele Kinderserien, die sehr gut gemacht sind.“ Besonders wichtig ist ihr, dass Kinder nicht nur als ökonomische Zielgruppe angesehen werden, sondern als Zuschauerschaft, die Interesse und Anspruch an kreativen, lehrreichen, aber auch unterhaltsamen Inhalten hat: „Kinder sollen als Publikum ernst genommen werden.”

In traditionellen Medien wie zum Beispiel Zeitungen war lange Zeit eher Film- und Literaturkritik etabliert, Serien wurden seltener besprochen. Für Trautmann ist das ein Versäumnis: „Serien sind kulturell genauso relevant wie andere Erzählformen – gerade weil sie über lange Zeiträume hinweg Figuren, Konflikte und gesellschaftliche Fragen entfalten.” Besonders häufig beschäftigt sie sich mit Produktionen von ZDFneo und Apple TV, weil sie dort eine hohe Dichte an erzählerisch interessanten Formaten sieht.

Trautmann spricht über ihren Werdegang und erklärt, worauf sie beim Schreiben von Kritiken achtet (Foto: Carsten Vogel).

Schon früh mit Kritiken anfangen

In ihren Rezensionen legt Trautmann den Schwerpunkt auf Diskursverortung: „Das bedeutet, dass ich mir  Fragen stelle wie: Was sagt diese Serie über ein bestimmtes Thema aus? Welche Meinungen werden verhandelt und auf welche Weise?” Dabei sind ihr Themen wie Gender, Class und Feminismus besonders wichtig. „Manche Serien bedienen Klischees und unterstützen dadurch Herrschaftsstrukturen. Andere schaffen es, Ungerechtigkeiten aufzudecken. Solche Dinge versuche ich, in meinen Rezensionen zu berücksichtigen.“

Kritiken schreibt sie schon seit Beginn ihres Studiums. Trautmann hat in Münster neben dem Master of Arts Kulturpoetik auch den Master of Education in den Fächern Deutsch und Sozialwissenschaften studiert. Wenn sie an ihre früheren Texte im Semesterspiegel – der Studierendenzeitung der Uni Münster – denkt, rollt sie selbstironisch die Augen: „Das war eine Spielwiese, auf der ich mich ausprobieren konnte. Heute würde ich viele der Texte aber anders schreiben.“ Mit der Zeit veränderte sich ihr Blick, ihre Texte wurden präziser und analytischer.

Serienkritiken in der Schule

Das ist eine Erfahrung, die sie jetzt mit in ihren Schulalltag bringt: Nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Schulzeitungs-AG, die sie gegründet hat, lässt sie Schüler:innen neben Berichten und Artikeln auch Rezensionen schreiben. Für sie ist es wichtig, dass man sich schon im jungen Alter fragt: Mag ich, was ich da sehe und warum mag ich das, was ich sehe? „Gerade weil Kinder oft umfassenden Zugang zu Medien haben, ist es wichtig, dass sie früh lernen, ihre Meinungen zu begründen und zu hinterfragen.”

Serien, das zeigt sich in Trautmanns Arbeit, sind nie einfach nur Unterhaltung. Sie sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Debatten – im Feuilleton ebenso wie im Klassenzimmer.