Schriftsteller Nico Bleutge über Lyrik und ihre Kritik

Für Bleutge gehört sowohl das Schreiben von Lyrik als auch das Schreiben von Kritik zum Berufsalltag (Foto: Carsten Vogel).

Von Lea Erdmann, Lisa Hildebrand und Laurie Dreesch.

Auf den ersten Blick wirkt Nico Bleutge völlig ruhig und gelassen, doch wer ihn länger beobachtet, stellt fest: Auch wenn er sitzt, ist er immer in Bewegung. Diese Bewegungen sind nie hektisch, vielmehr fließen sie. Mal fahren seine Hände über die Seiten seiner Notizen, mal wandern seine Augen von links nach rechts, als würde irgendwo im Raum ein neuer Gedanke auf ihn warten. Nervös wirkt er dabei kaum, eher konzentriert. Und wer ihm zuhört, merkt schnell, wie viel zugleich passiert: Bleutges Gedichte öffnen sich in mehrere Richtungen, fordern Aufmerksamkeit und offenbaren immer wieder neue Bedeutungsebenen.

„Ich bin eigentlich gar kein Kritiker”

Aber es soll hier nicht um Bleutges Gedichte gehen, sondern vielmehr darum, wie er über Gedichte und grundsätzlich über Literatur schreibt. Bleutge ist nämlich nicht nur als Künstler, sondern auch als Kritiker tätig. Er berichtet von seinem akademischen Weg und von seinen ersten literarischen Gehversuchen. Es scheint, als hätte er diese Dinge schon hunderte Male erzählt. Aber wenn es darum geht, warum er überhaupt schreibt, wird er nachdenklich: „Mir war eigentlich klar, dass ich das machen muss, weil es das Erfüllendste ist, das ich mir für mein Leben vorstellen kann.“ Und Kritik gehört für ihn einfach dazu, untrennbar. „Es gibt kaum etwas Lustvolleres, als ein Buch zu lesen, um dann darüber zu schreiben.“ Nur eines stört ihn: „Ich bin eigentlich gar kein Kritiker.“ Bleutge sagt das, ohne bitter zu klingen. „Ich bin Lyriker.“ Dass er Kritiken schreibt, ist aber auch Notwendigkeit: Obwohl Bleutge einer der erfolgreichsten deutschen Lyriker:innen ist, kann er von der Lyrik allein nicht leben.

Bleutge spricht darüber, welche Bedeutung Kritik für ihn hat (Foto: Carsten Vogel).

Lyrik und Lyrikkritik sind für Bleutge zwei verschiedene Formen zu schreiben. Beim Schreiben von Gedichten denke er an kein Publikum: „Dann wäre meine Arbeit verloren. Es ist meine Aufgabe, dieses Stückchen Kunst zu gewährleisten.“ Aus dieser Nähe zum Text ergibt sich für ihn auch eine besondere Haltung: „Da ich selber schreibe und weiß, wie schmerzhaft Kritik sein kann – vor allem, wenn sie ungerechtfertigt ist – achte ich darauf, in meinen Kritiken ausgewogen und fair zu bleiben.” Als Kritiker arbeitet Bleutge sich regelrecht durch Gedichte hindurch. Er blättert zurück, liest Passagen mehrfach, sucht nach Traditionslinien und fragt sich: „Was passiert da eigentlich ästhetisch?”

Kritik muss Urteile wagen

Persönliches stellt Bleutge eher zur Seite, umso entschiedener wird er, wenn es um die Kritik von Literatur geht: „Mich interessieren die Zusammenhänge und die Stofflichkeit. Nicht so sehr die Person, die dahintersteht.“ Stattdessen will er unter die Textoberfläche blicken. Von weichgespülten Homestorys bei aktuell angesagten Autor:innen hält er wenig: „Vielleicht ist das ein Alibi, um sich kein Urteil anmaßen zu müssen, aber trotzdem am Hype teilhaben zu können.

Bleutge verweigert sich diesem Hype. Er nutzt auch kein Social Media. Seine Kritiken sind theoriebewusst und analytisch, seine Lyrik herausfordernd und seine Worte trennscharf, von Trends unbeirrt. Wie seine Gedichte sind auch seine Kritiken sprachlich präzise. Er ist eben ein Vollprofi, ein Lyriknerd. Wenn er über Literatur spricht, sucht er nach den richtigen Begriffen – und wenn er sie gefunden hat, muss man sie häufig erst einmal nachschlagen. Nico Bleutge nimmt Literatur voll und ganz ernst: als Dichter wie als Kritiker.