„Wir befinden uns im Zeitalter der Serie“ – Mia Trautmann über Kritik im Journalismus und im Lehramt

Von Marlene Foth und Juliana Kagel.
Mia Trautmann schreibt als freie Journalistin Serienkritiken für die taz und ist seit Mai 2025 im Referendariat an einem Gymnasium in Recke. Im Interview erzählt sie, welche Rolle Kritik für sie im Beruf spielt.
War Journalismus schon immer Ihr Traumberuf?
Mia Trautmann: (lachend) Ja, auf jeden Fall! Ich wusste eigentlich schon als Jugendliche, dass ich ein Praktikum bei einer überregionalen Zeitung machen möchte. Die taz ist eine sehr junge, kulturell engagierte Zeitung, von der ich mich auch als Leserin angesprochen fühle.
Wie sind Sie dazu gekommen, Serienkritiken zu schreiben?
Trautmann: Wir befinden uns ja schon irgendwie im Zeitalter der Serie. Ich selbst bin medial viel mehr mit Serien als mit Filmen sozialisiert worden. Bei meinem Praktikum habe ich dann schnell gemerkt, dass Rezensionen mich journalistisch besonders interessieren. Es ist eine Textform, die eine Sache sehr konzentriert, aber nicht wissenschaftlich angeht. Eine Textform, die den Anspruch hat, von allen verstanden zu werden.
Worauf achten Sie beim Schauen von Serien?
Trautmann: Wichtig ist vor allem, ob eine Serie überhaupt etwas Neues zeigt und ob sie etwas über ihre Gegenwart aussagt, also zeitdiagnostisch ist. Ich finde es unglaublich spannend, warum manche Serien, wie zum Beispiel „The Summer I Turned Pretty“, gerade derart einschlagen.
Oft beziehe ich mich auf Buchvorlagen, wenn es welche gibt. Wie wird die literarische Gestaltung seriell umgesetzt, auch etwa in der Besetzung der Schauspieler:innen? Gleichzeitig sind Adaptionen immer eigene Kunstprodukte und der Vorlage nicht unbedingt verpflichtet.
Sie haben einige Rezensionen zu Kinder- und Jugendserien geschrieben. Warum interessiert Sie diese Zielgruppe besonders?
Trautmann: (lachend) Ach, so viele Kinder- und Jugendserien waren das gar nicht, über die ich geschrieben habe. Sie stechen wahrscheinlich heraus, weil sie nicht oft rezensiert werden. Mich ärgert es, wenn Kinder als Zuschauer:innen nicht ernst genommen werden. Es ist toll, wenn Kinder etwas schauen, das die Fantasie anregt und sie nicht abstumpfen lässt. Was sie sich angucken, macht so viel damit, wie sie denken! Natürlich gibt es Serien, die eher „Schrott” sind. Ich finde beispielsweise, dass es riesige Unterschiede zwischen „Paw Patrol“ und „Die Schwestern Grimm“ gibt.
Worauf achten Sie bei Kinderserien?
Trautmann: Ich achte besonders auf Erzählgeschwindigkeit und Altersangemessenheit. Es gibt diese modernen Kinderserien, bei denen alles unglaublich schnell abläuft und sofort was Lustiges passiert. Da bleibt kein Platz mehr für ernste Themen. Diese Pastellfärberei mag ich nicht. Außerdem sollte man Kindern Zeit geben, in eine fiktive Welt einzutauchen.

Was würden Sie Studierenden raten, die Rezensionen veröffentlichen möchten und sich für den Journalismus interessieren?
Trautmann: Mein erster Tipp wäre auf jeden Fall, ganz viele Rezensionen zu lesen. Dabei kriegt man schnell ein Gefühl dafür, was das für eine Textsorte ist. Im nächsten Schritt würde ich empfehlen, sich an eigenen Texten zu versuchen. In der Vergangenheit habe ich außerdem positive Erfahrungen damit gemacht, Texte einfach mal einzuschicken. Es gibt auch viele Blogs, bei denen man etwas einreichen kann.
Wie bringen Sie als Referendarin Kritik in den Schulunterricht ein?
Trautmann: Ich versuche das über die Arbeit an Texten. Als angehende Deutschlehrerin finde ich es unglaublich wichtig, dass Schüler:innen erstmal frei assoziieren können, bevor wir ins Detail gehen. Die Schüler:innen sollen begründet sagen können, „das gefällt mir, das gefällt mir nicht“, „das irritiert mich, das irritiert mich nicht“. Es ist mir wichtig, für diesen kritischen Austausch genug Platz im Schulalltag zu schaffen.
Würden Sie sagen, dass sich Lehramt und Journalismus als Tätigkeiten gegenseitig ausschließen?
Trautmann: Auf keinen Fall ist Schule ein Ausschlusskriterium für andere Tätigkeiten! Ganz im Gegenteil: Es ist doch super, wenn Lehrkräfte eine besondere Passion für ihr Fach haben und diese an ihre Schüler:innen weitergeben. Lehrkraft zu sein, ist eine wunderbare, ganz sinnvolle Tätigkeit, und gleichzeitig kann man auch anderen wissenschaftlichen, schriftstellerischen oder journalistischen Beschäftigungen nachgehen. Das schließt sich meines Erachtens nicht gegenseitig aus, sondern befruchtet einander unglaublich.
You must be logged in to post a comment.