Digitalisierung der Arbeitswelt: “Ich bin Geisteswissenschaftlerin, ich kann das!”

Sven Lohmeier beschreibt den Teilnehmer*innen seinen Arbeitsalltag (Foto: Carsten Vogel).

Von Holger Grevenbrock und Shohina Rahmonova.

Die Digitalisierung nimmt in unserem Leben einen immer größeren Raum ein: sowohl im Alltag als auch bei der Arbeit. Im Beruf kann sie neue Perspektiven und Kompetenzen eröffnen. Deshalb beschäftigt sich der Workshop “Germanistik im Beruf” mit dem Thema “Arbeit digital”. Die eingeladenen Gäste – beide selbst Germanist*innen –  berichten über digitale Öffentlichkeitsarbeit und E-Commerce.

“Das Klischee vom Geisteswissenschaftler, der später Taxi fährt, fand ich immer schon anstrengend”, sagt Gianna Reich. Sie hat Germanistik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert und arbeitet jetzt bei der Software-Firma Netsyno im Bereich Communication and Media. Selbst bezeichnet sie sich als “Digitale Nomadin”, um ihre vielfältigen Tätigkeiten zusammenzufassen. Neben Netsyno ist sie als Gastdozentin am KIT tätig und geht verschiedenen freiberuflichen Tätigkeiten als Workshopleiterin oder Speakerin nach. Ein Projekt, das ihr sehr am Herzen liegt, ist der Blog “Geisteswirtschaft”. Der soll Studierenden bei der Berufsorientierung helfen und Karrieretipps geben. Gerade in der Offenheit der Geisteswissenschaften sieht Gianna Reich einen großen Vorteil gegenüber anderen Studienfächern. 

So sieht es auch Sven Lohmeier. Der Unit Director für Enterprise Commerce bei der Digitalagentur “hmmh” ist ebenfalls der Meinung, dass man heutzutage viel Neugier und Leidenschaft aufbringen muss, um mit technischen Neuerungen Schritt zu halten. Beide sehen im autodidaktischen Lernen eine zentrale Kompetenz. “Ich habe mich schon früh in meiner Freizeit mit den neuen Medien beschäftigt, so kam ich zu meinem jetzigen Arbeitgeber”, sagt Lohmeier und ergänzt: “Mit einem Blog beispielsweise kann man vieles ausprobieren.”  

Gute Aussichten für Germanist*innen

Bei der Jobsuche sind Kreativität und Offenheit gefragt. Gianna Reich rät zu einem durchaus selbstbewussten Auftreten im Bewerbungsgespräch: “Ich bin kein BWLer, aber ich kann das.” Potenzielle Arbeitgeber*innen sollen schließlich überzeugt werden, dass gerade auch Geisteswissenschaftler*innen absolut geeignet für die vakante Stelle sind. 

Vor einigen Jahren war das im digitalen Bereich noch gar nicht so üblich. Jetzt gibt es aber gerade für Germanist*innen viele neue Möglichkeiten. Das Dialog-Design sprachgesteuerter Interfaces erfordert kompetentes Sprachwissen und -gefühl, gute Aussichten also für Studierende der Sprach- und Literaturwissenschaften. So könnten schon bald Smart Speaker wie Alexa nicht mehr nur einfache Gadgets sein, die das Wetter ansagen, sondern nützliche Helfer im beruflichen Alltag. “Mein Job besteht darin, die Arbeit unseres Teams so nach außen zu kommunizieren, dass selbst meine Oma es verstehen würde”, bringt Gianna Reich ihre Tätigkeit bei Netsyno auf den Punkt. 

Kontakte und Kommunikation

“Agiles Arbeiten” lautet das Schlüsselwort, das vor allem kurze, direkte Kommunikationswege und flache Hierarchien präferiert. Die Befürchtung, die Digitalisierung der Arbeitswelt würde zugleich ein Verschwinden des Sozialen im Beruf bedeuten, deckt sich aber nicht mit der beruflichen Wirklichkeit von Sven Lohmeier: Der Austausch über Skype bei entscheidenden Themen kann nicht die nötige Face-to-face-Interaktion mit dem Kunden ersetzen. Das Knüpfen von Kontakten ist essenziell, betont auch Gianna Reich, denn erst über Beziehungen ist sie mit ihren jetzigen Arbeitgeber*innen ins Gespräch gekommen. 

Im Hinblick auf Sven Lohmeiers Funktion als Unit Director zeigt sich exemplarisch, wie sehr heutige Arbeitsprozesse ineinander übergreifen. “Es ist wichtig, auch mal außerhalb festgefahrener Strukturen zu denken”, sagt Lohmeier. Technische Neuerungen wie Skype und Projektwikis rücken Unternehmen und Kunden näher zusammen und machen sowohl den kommunikativen als auch den Austausch von Daten so einfach wie nie.

Mehr Freiheit, mehr Flexibilität

Natürlich wird der Arbeitsalltag auch mal stressig, weil sich Aufgaben und Arbeitszeit zu sehr verdichten. Deshalb ist es wichtig, sich so zu organisieren, dass das Privatleben nicht zu kurz kommt. 

Einig sind sich Reich und Lohmeier aber darin, dass Digitalisierung zu mehr Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Freiheit im Beruf führt. “Früher ist auch mal das Wochenende für die Arbeit draufgegangen. Heute ist das ganz anders. Elternzeit ist auch bei Männern im Team keine Seltenheit mehr”, beschreibt Lohmeier die Flexibilität des Berufs.  “Klar kann der Tag mal länger dauern, aber auch die Arbeitszeiten verändern sich. Manchmal geht’s eben auch erst um 10 Uhr los.” 

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