Tim Moritz Hector im Interview: “Bin ich noch im Bett oder schon in einer Konferenz?”

Wikipedia-Autor Tim Moritz Hector im Interview (Foto: Carsten Vogel).

Von Marlene Bömer und Dario Sellmeier.

Wikipedianer Tim Moritz Hector spricht über seinen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weg sowie aktuelle Probleme als Autor einer digitalen Enzyklopädie.

Sie waren jahrelang für Wikipedia tätig. Wie sind Sie überhaupt Autor geworden?

Tim Moritz Hector: Als ich in der 8. Klasse eine Facharbeit über Friedrich Dürrenmatt schreiben sollte, habe ich im Wikipedia-Artikel zur Person einen Zahlendreher entdeckt. Diesen wollte ich ausbessern und habe mich eingearbeitet. Manchmal habe ich so eine Art, dass ich alles, was ich anfange, auch zu Ende bringen will. So wurde ich bereits als Jugendlicher Wikipedia-Autor. Ich hatte nicht das Bestreben, eine längerfristige Sache daraus zu machen. Aber mit so wenig Aufwand für ein breites Publikum zu schreiben, war dann doch ein großes Erfolgserlebnis.

Und dann haben Sie neben der Schule Artikel verfasst?

Tim Moritz Hector: Nachdem ich sporadisch Artikel geschrieben hatte, stellte ich fest, dass es ein Feld gab, in dem ich mich mehr engagieren wollte: Die sogenannte „Eingangskontrolle“, bei der man die Korrekturen sehr schnell entweder ablehnen oder bestätigen kann. Man muss blitzschnell entscheiden: Handelt es sich um einen sinnvollen Beitrag oder um Unfug. Dadurch geriet ich sehr schnell in eine administrative Rolle.

Wie ging es dann weiter?

Tim Moritz Hector: Jährlich findet eine internationale Konferenz der Wikipedianer statt, zu der ich eingeladen wurde. Um die Reisekosten zu decken, habe ich mich auf ein Kurzstipendium beworben, das der Wikipedia-Verein einmal im Jahr ausschreibt. Und dann bin ich 2009 als 16-jähriger nach Buenos Aires geflogen. Das war sehr aufregend und meine Mutter war auch wenig begeistert, dass ich alleine fliege und mich mit irgendwelchen Leuten treffe, die ich aus dem Internet kenne.

In Buenos Aires bin ich dann auf eine Welt hinter dem offensichtlichen Wikipedia-Kosmos gestoßen. Dort bin ich vielen Leuten aus verschiedenen Projekten und unterschiedlichen Ländern begegnet, die sich mit denselben Fragen beschäftigen. Wie können wir unsere Artikel besser gestalten, wie können wir Wikipedia stetig weiterentwickeln und wie schaffen wir es, dass Wikipedia auch weiterhin für neue Autor*innen attraktiv bleibt?

Wie wollten Sie diese Ziele verfolgen?

Tim Moritz Hector: Wir haben überlegt, dass man in Schulen gehen müsste, um die Schüler*innen und auch Student*innen an den Unis zu motivieren. Um das zu realisieren, bin ich Mitglied eines Netzwerkes in Deutschland geworden und habe Vorträge über Wikipedia gehalten. Über dieses Netzwerk bin ich dann auch Mitglied des Vereins Wikimedia Deutschland geworden.Der Verein spielte für die Entwicklung des Online-Lexikons immer eine wichtige Rolle, denn Wikipedia ist ja auch erstmal nur eine Website, über die man z.B. keine Gelder beantragen kann. Dazu braucht man eine Organisation.

Mich hat dann jemand angesprochen, ob ich mich bei meiner Erfahrung mit den Neulingen nicht auch im Präsidium engagieren möchte. Die Position hat mir gefallen und ich habe das fünf Jahre lang gemacht, die meiste Zeit als Vorsitzender Im November 2018 habe ich das Amt niedergelegt.

Lassen Sie uns konkreter werden. Wie kann Wikipedia die Qualitätssicherung der Artikel gewährleisten?

Tim Moritz Hector: Die Schwarmintelligenz der Autorenschaft funktioniert vor allem bei offensichtlichem Missbrauch gut. Wenn jemand in den Artikel über Adolf Hitler „Sieg Heil“ hineinschreibt, dann wird das innerhalb weniger Minuten bemerkt und wieder entfernt. Gerade bei politischen Themen haben wir aber auch beobachtet, dass viele Benutzer strategisch kleine Änderungen vornehmen. Das ist für uns schwieriger nachzuvollziehen. Was uns in letzter Zeit noch mehr zusetzt, ist das Unwesen der PR-Agenturen. Deren Werbung wird dann aber schnell wieder gelöscht.

Zwar ist Wikipedia „nur“ eine Tertiärquelle ohne Anspruch auf wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Grundsätzlich kann man Wikipedia aber vertrauen, und zwar gerade den oft gelesenen Artikeln zu Mainstream-Themen. Weniger aufgerufene Artikel sind anfälliger für Manipulation, weil ihr Inhalt nicht so gut überprüft werden kann. Leider werden die Manipulationsversuche in der Zukunft voraussichtlich weiter zunehmen, weil es immer weniger Autor*innen gibt.

Tim Moritz Hector: „Ich hatte immer zwei Standbeine“ (Foto: Carsten Vogel).

Warum nimmt die Anzahl der Autor*innen ihrer Ansicht nach ab?

Tim Moritz Hector: Das Smartphone ist heutzutage das bestimmende Kommunikationsmedium. Im Gegensatz zum Computer ist es allerdings auf den Konsum und nicht auf die Eingabe von Informationen ausgerichtet. Hinzu kommt: Änderungen, die jemand vornimmt, werden nicht mehr wie früher unmittelbar wirksam oder sichtbar. Es dauert eine Weile, bis sie durch eine*n erfahrene*n Nutzer*in freigeschaltet werden und das kann demotivierend auf Autor*innen wirken.

Welche Leute schreiben eigentlich für Wikipedia?

Tim Moritz Hector: Meist haben die Autor*innen ein spezifisches Interesse. Stark vertreten sind Leute wie ich, die Artikel über ihre eigenen Dörfer und Städte schreiben. Manche verfassen auch mit großem Enthusiasmus Artikel über Bahnstrecken oder Autobahnkreuze. Viele Studierende machen aus dem Thema ihrer Abschlussarbeit einen Artikel. Dabei sind Geisteswissenschaftler*innen gegenüber Naturwissenschaftler*innen deutlich überrepräsentiert. Probleme gibt es immer wieder in der Populärkultur: Viele schreiben eher einen subjektiv gefärbten Fan-Blog als einen objektiven Artikel.

Wie stehen Sie zu den Debatten um Datenschutz und Urheberrecht, die gerade auf europäischer Ebene geführt werden?

Tim Moritz Hector: Ich persönlich betrachte die Urheberrechtsreform als großen Rückschritt. Auch wenn die Rechte der einzelnen Urheber*innen gestärkt werden sollten bleibt die Frage: Warum soll in einem partizipativen Netz die Plattform für das Verhalten der Nutzer*innen verantwortlich sein? Diese Skepsis hat Wikipedia ja auch deutlich gemacht, als sie vor der Abstimmung über die Reform für 24 Stunden vom Netz gegangen ist. Inwieweit Artikel 17, ehemals 13, der EU-Urheberrechtsrichtlinie Wikipedia tatsächlich bedrohen wird, muss sich nun in der Umsetzung des Gesetzes zeigen.

Ein anderes aktuelles Thema, das momentan in der Politik besprochen wird, ist die Künstliche Intelligenz. Glauben Sie, dass in der Künstlichen Intelligenz die Zukunft liegt?

Tim Moritz Hector: KI kann heute schon Wikipedia-Artikel schreiben, wenn sie wenig komplex sind. Das ist doch gut, wenn wir durch KI mehr Zeit für uns haben. Ich glaube, dass diese gewonnene Zeit viel Raum für kreatives Potenzial bieten wird. Was KI jedoch nicht ersetzen kann, sind menschliche Begegnungen und diese brauchen wir Menschen. Aber ich bin überzeugt, dass unsere Welt durch KI eine ganz tolle Welt werden wird. (lacht)

Sie selbst waren ja nicht nur bei Wikipedia, sondern auch bei anderen Projekten engagiert. Wie bringen Sie das überhaupt mit Ihrem Studium zusammen?

Tim Moritz Hector: Ich hatte immer zwei Standbeine. Das hat deshalb sehr gut funktioniert, weil ich als Student zeitlich flexibel war. Das Amt im Wikimedia-Präsidium habe ich im November bewusst abgelegt, weil es zu viel Zeit gekostet hat. Aufgrund der Ehrenämter und Honorartätigkeiten war ich kaum mal eine Woche am Stück zuhause.

Und finanziell war das kein Problem?

Tim Moritz Hector: Viele dieser Tätigkeiten waren tatsächlich nicht so ertragreich. Ich hatte das große Glück, von der Studienstiftung des deutschen Volkes mit einem Stipendium gefördert zu werden. Das hat mich so weit abgesichert, dass ich alles, was ich an Freizeit hatte, für anderes aufwenden konnte und keinen Nebenjob brauchte. Später habe ich als Hilfskraft am Germanistischen Institut der Uni Münster gearbeitet. Manchmal war es trotzdem gar nicht so einfach, das muss ich ganz ehrlich sagen.

Trotzdem waren Sie für Wikipedia aktiv. Wie haben Sie das organisiert?

Tim Moritz Hector: Vieles hat an meinem heimischen Arbeitsplatz stattgefunden. Ich habe in einer WG in Münster gewohnt. Wenn das Schlafzimmer gleichzeitig auch das Arbeitszimmer ist, kann man auch durcheinander kommen. Manchmal fragt man sich: Bin ich noch im Bett oder schon in einer Telefonkonferenz? Im Homeoffice ist es nicht einfach, Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Man arbeitet überall und jederzeit. Zwischendurch ist man viel unterwegs und verreist. Da fühlt man sich schnell erschöpft und delokalisiert. Das habe ich nur aufheben können, indem ich zum Arbeiten in die Uni gegangen bin. Und wenn ich dann nach Hause gegangen bin, war auch Schluss. Bewusst Pausen einzulegen, musste ich auch erst lernen.

Inzwischen haben Sie die Sprachwissenschaft als Forschungsfeld entdeckt. Wann genau kam es dazu?

Tim Moritz Hector: Ich kannte Sprachwissenschaft zu Beginn des Studiums noch nicht, weil das bei mir in der Schule wenig thematisiert wurde. Die gesprochene Sprache und die Konversationsanalyse haben mich sofort fasziniert. Natürlich auch der Zusammenhang zwischen gesprochener Sprache und Online-Konversationen, die sich an mündlichen Ausdrucksformen orientieren. Irgendwann kam eine Dozentin auf mich zu und hat mir eine Hilfskraftstelle angeboten. Da hat ein großer Zufallsfaktor mitgespielt.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Überlassen Sie diese auch dem Zufall?

Tim Moritz Hector: Eine Zufallskomponente wird gewiss bleiben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, Wikipedia zu meinem Beruf zu machen, obwohl es mir viel Spaß gemacht hat. Aber damit habe ich kein Geld verdient. Im Augenblick fokussiere ich mich auf die Wissenschaft und bereite derzeit ein Promotionsprojekt vor.

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